Mythos und Wahrheit agiler Projekte

Ein Gastbeitrag des Studierenden Manuel Götz.

Am vergangenen Donnerstag, den 28.11.2020, hielt Prof. Dr. Detlef Stern im Zuge der Virtuellen Vorlesungsreihe Wirtschaftsinformatik (#vivowi) einen Vortrag über das agile Arbeiten und die dazu verwendeten Paradigmen. Im Rahmen der Vorträge der vivowi werden aktuelle Themen der Wirtschaft bzw. aus der Hochschullandschaft vorgestellt und diskutiert. Die nächsten Termine können Sie hier finden; auf Twitter können Sie sich unter #vivowi an den Diskussionen beteiligen. Im Fokus des jüngsten Vortrags „Mythos und Wahrheit agiler Projekte“ standen die Begriffsfindung bzw. Definition der Agilität sowie das kritische Hinterfragen einiger allgemein akzeptierter Annahmen.

Begriffsdefinition

Agil – ein Wort, das jedem, der sich heutzutage in der freien Wirtschaft bewegt, ein Begriff ist. Es scheint jeder darüber zu sprechen und die meisten Firmen geben an agil zu arbeiten. Aber was bedeutet es eigentlich, agil zu arbeiten? Für die meisten ist es klar, was es auf keinen Fall ist: nach dem Wasserfallprinzip zu arbeiten.

Exkurs: Wasserfallmodell

Abbildung: Wasserfallmodell

Ein Wasserfallmodell ist ein lineares (nicht iteratives) Vorgehensmodell, das in aufeinander folgenden Projektphasen organisiert ist. Wie bei einem Wasserfall mit mehreren Kaskaden „fallen“ die Ergebnisse einer Stufe nach unten in die nächste und sind dort verbindliche Vorgaben. Zudem hat jede Phase einen vordefinierter Start- und Endpunkt. Wasserfallmodelle werden allgemein dort vorteilhaft angewendet, wo sich Anforderungen, Leistungen und Abläufe in der Planungsphase relativ präzise beschreiben lassen.

Bei diesem Ansatz der Definition des agilen Arbeitens wird über die Abgrenzung versucht, die Thematik zu konkretisieren; d. h., es wird die Kontraposition herausgearbeitet: agiles Arbeiten ist auf keinen Fall plangetrieben und die Phasen in sich abgeschlossen. Diese negative Definition vermag es aber nicht, eine autonome Definition des agilen Arbeitens zu geben. Ein weiterer Versuch den Ausdruck des agilen Arbeitens zu konkretisieren ist das „Agile Manifest“. Dieses schränkt jedoch den Kontext auf die Softwareentwicklung ein, kann dementsprechend auch keine allgemein gültige Definition liefern. In diesem Kontext wird das agile Arbeiten durch folgende Kerngedanken definiert: „Wir erschließen bessere Wege, Software zu entwickeln, indem wir es selbst tun und anderen dabei helfen. Durch diese Tätigkeit haben wir diese Werte zu schätzen gelernt:

  • Individuen und Interaktionen mehr als Prozesse und Werkzeuge
  • Funktionierende Software mehr als umfassende Dokumentation
  • Zusammenarbeit mit dem Kunden mehr als Vertragsverhandlung
  • Reagieren auf Veränderung mehr als das Befolgen eines Plans

Das heißt, obwohl wir die Werte auf der rechten Seite wichtig finden, schätzen wir die Werte auf der linken Seite höher ein“ [2]. Diese Aussagen werden zudem noch um 12 weitere Prinzipien ergänzt. Dennoch ergibt sich daraus laut Professor Stern keine Definition, dafür seien sie u. a. zu vage. Es sei eher der Versuch, die unterschiedlichen Konzepte, die in der agilen Welt vorhanden sind, unter einem Manifest zusammenzubringen.

Eine Definition für das agile Arbeiten zu finden, erscheint eine nicht ganz triviale Angelegenheit zu sein, dennoch versucht sich Professor Stern an einer Definition [3]:

Ein Vorgehensmodell ist dann „agil“, wenn während der Tätigkeiten

  • durch Wachsamkeit mögliche Schwierigkeiten ohne Verzug erkannt werden,
  • mit Entschlossenheit der Umgang mit tatsächlichen Schwierigkeiten geplant wird,
  • die geplanten Anpassungen mit Reaktionsvermögen durchzuführen,
  • die Fähigkeit zur Wachsamkeit, Entschlossenheit und Reaktionsvermögen immer wieder verbessert werden (wie auch das Verbessern verbessert wird).

Zudem müsse der ganze Prozess zielgerichtet sein, also eine Zieldefinition besitzen.

Abbildung: Definitionsversuch des agilen Arbeitens

Mythen

Durch die enorme Präsenz der agilen Methoden in Unternehmen und an Hochschulen in den letzten Jahren hat jeder Wissen über das agile Arbeiten aufgebaut; sei es durch aktives Lernen oder durch passives Aufschnappen. Besonders durch letzteres haben sich einige Annahmen über das agile Arbeiten verbreitet, denen es häufig an Substanz fehlt.

MythenBerichtigung
Scrum wird als Synonym für Agil genutzt.Scrum ist ein sehr bekanntes agiles Vorgehensmodell, aber nicht alle agilen Vorgehensmodelle sind wie Scrum.
Mit der neusten Aktualisierung des Scrumguides, wird in diesem „Agil“ nicht mehr erwähnt.
Mit Agil wird man schneller/produktiver.Die Effizienz, also der Aufwand, um eine gegebene Maßnahme durchzuführen, sinkt wegen des notwendigen Overheads.
Die Effektivität, also die Wirksamkeit, ob/wie eine Maßnahme der Erreichung des Ziels dient, verbessert sich.
Agile Vorgehensmodelle sind nur für die Softwareentwicklung geeignet.Nein, es gibt neben dem Manifest für agile Softwareentwicklung auch andere: Agile Verwaltung, Agile Schule, Agiles Studieren
Tabelle: Mythen über Agilität

Der komplette Vortrag…

Professor Stern sprach viele weitere Aspekte, Mythen und weit verbreitete Missverständnisse an. Jedem Zuhörer kamen bestimmt viele davon bekannt vor…

Interessierte können sich den kompletten Vortrag anschauen. Voilà:

Quellen

J. Jeremiah: Survey: Is agile the new norm? https://techbeacon.com/app-dev-testing/survey-agile-new-norm (Letzter Zugriff am 28.11.2020)

K. Beck, M. Beedle, A. v. Bennekum, A. Cockburn, W. Cunningham, M. Fowler, J. Grenning, J. Highsmith, A. Hunt, R. Jeffries, J. Kern, B. Marick, R. C. Martin, S. Mellor, K. Schwaber, J. Sutherland und D. Thomas: Manifesto for Agile Software Development https://agilemanifesto.org/ (Letzter Zugriff am 28.11.2020)