Logistik von morgen – Warehousing by Customer

Der Onlinehandel boomt heutzutage. Im Jahr 2015 lag der E-Commerce-Umsatz in Deutschland bei 52,8 Milliarden Euro. Für das Jahr 2017 wurde ein Umsatz in Höhe von 73 Milliarden Euro prognostiziert. Während laut Umfrage 93 Prozent der Befragten angab, beim Einkauf von Lebensmitteln den stationären Handel zu bevorzugen, gibt es zahlreiche Produktgruppen, bei dem der Online- und Versandhandel den klassischen Einzelhandel zu verdrängen droht. So kaufen 61,6 Prozent der Befragten ihre Bücher lieber online ein. Bei Textilien bevorzugen 42 Prozent den Onlinehandel.

Eine Retourenquote jenseits der 40 Prozent ist in der Fashion-Branche keine Seltenheit. Bei Zalando werden 50 Prozent aller bestellten Waren zurück ins Lager geschickt. Laut einer Studie des EHI Retail Institutes müssen Händler im Durchschnitt pro Rücksendung Kosten von 10 Euro einkalkulieren. Eine Erhebung des Forschungsinstituts IBI Research ergab sogar einen Durchschnitt von 20 Euro. Es lässt sich also festhalten, dass die extrem hohen Retourenquoten höhere Renditen verhindern.

Im Zuge dieses Trends durfte ich am 23.5.2017 einem Vortrag aus der Veranstaltungsreihe des Mannheimer Open Innovation Forums beiwohnen. Sie wird regelmäßig vom MAFINEX e.V., dem Gründerverband Rhein-Neckar und dem Fachbereich für Wirtschafts- und Strukturförderung der Stadt Mannheim veranstaltet. Trends, Entwicklungen und aktuelle Fragestellungen zu Innovationen und Technologien stehen hierbei im Vordergrund.

Abbildung 1: MAFINEX-Technologiezentrum in Mannheim (Quelle)

Das Thema des Vortrages von Professor Dr. Michael Hauth lautete „Warehousing by Customer“. Dieses neuartige Modell soll das beschriebene Problem der hohen Retourenquoten beseitigen.

Warehousing by Customer – Was ist das?

Die Idee von Warehousing by Customer ist eng mit dem Thema Industrie 4.0 verbunden. Die Plattform Industrie 4.0, eine gemeinsame Aktion der Wirtschaftsverbände ZVEI, der BITKOM und des VDMA, prägte den Begriff mit folgender Definition:

In der Industrie 4.0 verzahnt sich die Produktion mit modernster Informations- und Kommunikationstechnik. (…) Technische Grundlage hierfür sind intelligente, digital vernetzte Systeme, mit deren Hilfe eine weitestgehend selbstorganisierte Produktion möglich wird: Menschen, Maschinen, Anlagen, Logistik und Produkte kommunizieren und kooperieren in der Industrie 4.0 direkt miteinander. Produktions- und Logistikprozesse zwischen Unternehmen im selben Produktionsprozess werden intelligent miteinander verzahnt, um die Produktion noch effizienter und flexibler zu gestalten.

(Quelle)

Flexibilität und Effizienz stellen demnach wichtige Kriterien dar, wenn es darum geht, ein neuartiges Geschäftsmodell in die Realität umzusetzen.

An dieser Stelle ein kleiner Exkurs: Welche Risiken Industrie 4.0 für Unternehmen darstellen könnte, kannst du in diesem Blogbeitrag nachlesen: So gefährlich ist die neue IT-Dimension – Die Risiken des Internet of Things

Das Geschäftsmodell Warehousing by Customer verfolgt das Ziel, das in der Fashion-Branche aktuell vorhandene „push“-Modell zu einem „pull“-System umzuwandeln. Es handelt sich hierbei um ein Shared Economy-Geschäftsmodell. Diese Modellart hat in jüngster Zeit durch den Erfolg von AirBnB, Uber oder WhatsApp stark an Interesse hinzugewonnen.

Die Idee hinter Warehousing by Customer lässt sich auf drei wesentliche Punkte reduzieren:

  • Nutzung des Lagerraums beim Kunden
  • Retouren-Management beim Kunden
  • Nutzung der Point-to-Point-Infrastruktur beim Kunden der KEP-Dienstleister

Es wird angenommen, dass der Hersteller die schlummernde Kundenbedarfe kennt. Diese lassen sich aus Kundenkarten-Informationen (letztes Kaufdatum, Produkt, Preissegment, Rabattinteressen, Einkaufsvolumen, sozialer Hintergrund) gewinnen. Der Hersteller schickt dem Kunden A – nach dessen Einverständnis – daraufhin unbestellte Päckchen zu. Sobald der Kunde das Päckchen erhalten hat, kauft er entweder das komplette Paket oder einzelne Bestandteile. Idealerweise schickt der Bezieher des Päckchens es an den nächsten potentiellen Kunden B weiter. Dieser prüft die Ware und führt somit zugleich das Retouren-Management durch. Kunde B schickt das Paket anschließend an den Kunden C, usw.

Warehousing-by-Customer

Abbildung 2: Kunden-Produkt-Zyklus bei Warehousing by Customer (selbst erstellt mit Visme)

Voraussetzungen

Damit das Geschäftsmodell erfolgreich sein kann, müssen eine Reihe von Kriterien erfüllt sein. Zum einen müssen Kundenkarten vorhanden sein. Auf dieser sollten folgende Informationen vermerkt sein:

  • Adresse
  • Soziales Umfeld des Wohnorts
  • Bonität
  • Umsätze
  • Produkte
  • Vorlieben
  • Liefererfahrungen

Zum anderen müssen einige technische Voraussetzungen erfüllt sein:

  • Analyse-Technik mit Vorschlagsgenerierung
  • Es muss sich um White Label-Produkte handeln
  • Späte Adressierung/Labeling durch den Hersteller (OEM)
  • Abrechnung beliebig durch OEM oder nachgelagerten Service Provider

Vorteile

Wie bereits erwähnt, soll das Geschäftsmodell zu einer Minimierung des Retouren- und Transportvolumens beitragen. Des Weiteren kommt es zu einer Verringerung der Lagerbestände in der Supply Chain. Da das Modell auf White Label-Produkte angewendet wird, sollten Aktivitäten in der logistischen Kette einfach zu handhaben sein. Somit nehmen die Bereitstellungskosten erheblich ab.

Fazit

Bevor die Geschäftsidee tatsächlich in die Praxis umgesetzt werden kann, müssen einige potentielle Hindernisse aus dem Weg geräumt werden. So muss beim Kunden der Anreiz geschaffen werden, die Ware weiterzuschicken. Zudem muss sich ein Preismodell überlegt werden, das einsetzt, wenn die Ware vom Kunden zum nächsten Kunden weitergeschickt wird. Ein Modell zur Abschätzung von Rücklauf -/ Ablehnungsquoten wie ebenfalls vonnöten sein. Ferner muss intensiv darüber nachgedacht werden, für welche Produkte ein solches Sharing Economy-Modell überhaupt Sinn macht.

Allgemein lässt sich jedoch festhalten, das die Geschäftsidee durchaus Potential aufzuweisen hat. Vor allem die bereits erwähnten Vorteile sollten weitere Überlegungen anfachen. Eine Pilotanwendung (OEM in der Fashion-Branche) würde Aufschluss über das Potential der Geschäftsidee geben.

Zu guter Letzt lässt sich meinerseits festhalten, dass der Vortrag und die Diskussionen sehr interessant waren. In einem anschließenden Get-together mit leckerem Imbiss haben die Teilnehmer sich angeregt über die Idee ausgetauscht.

tag_cloud

Abbildung 3: Word Cloud für die Idee „Warehousing by Customer“ (erstellt mit wortwolken.com)

Dein Feedback

Was denkst du über diese Geschäftsidee? Meinst du, sie wird in naher Zukunft umsetzbar sein? Oder machen zu viele Hindernisse und Ungereimtheiten es unmöglich, dieses Geschäftsmodell in die Realität umzusetzen? Ich bin gespannt auf deine Meinung.

Quellen

Beitragsbild: Quelle

Umsatz im Online-Handel in Deutschland in den Jahren 2012 bis 2015 sowie Prognose bis 2017

Würden Sie die folgenden Produkte lieber im Online- und Versandhandel oder im klassischen Einzelhandel kaufen?

Onlinehandel – Das Problem der Retouren

Teure Retouren

Warehousing by Customer – The „Jeans“ Case

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